Gedanken und Schmerzen

Als Menschen besitzen wir die Möglichkeit, z.B. von Erfahrungen zu lernen oder die Zukunft zu planen. Bei Schmerzen kann dies zum Nachteil gelangen. Obwohl keine Gewebeschäden vorliegen kann es passieren, dass unser Gehirn Signale als Alarmsignale fehl deutet – und wir dies als Schmerzen wahrnehmen.

Ähnlich dem Nocebo-Effekt entsteht in uns eine Erwartungshaltung, dass bestimmte äußere Einwirkungen Schmerzen auslösen werden. Jeder der schon mal viele Nebenwirkungen auf Medikamenten Beipackzettel gelesen hat – oder beim Pathologie-Unterricht Symptome lernt und danach sicher das eine oder andere Symptom entwickelte, kennt dieses Phänomen.

Diese entwickelten Schmerzen sind tatsächlich vorhanden – so finden sich in einem MRT (Magnet-Resonanz Tomographie) Gerät die Schmerzzentren im Gehirn deutlich aktiv – obwohl „nur“ Gedanken aktiv sind.

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Diese Tatsache ist von Bedeutung, wenn wir mit Schmerzpatienten arbeiten. Eine Vorstellung allein reicht aus, damit Gewebe an Schmerzbereichen anschwellen kann. „Das tut schon weh, wenn ich nur daran denke„!

Diese Reaktion ist verständlich, wenn wir uns daran erinnern, dass unser Gehirn uns vor a l l e m, was gefährlich für uns ist, schützen will.

Gedanken und Angst vor bestimmten Aktivitäten, oder Angst davor, dass es wieder weh tun könnte, können Schmerzen verstärken.

 

 

Gelenke und Schmerzen – Teil 6

Was nun, wenn eindeutige MRT oder Röntgenaufnahmen b e w e i s e n, dass die Knie- oder Hüftgelenke „kaputt“ sind. Die Aufnahmen und die Interpretationen der Ärzte belegen, dass es so nicht weiter gehen kann/wird. Die Schmerzen sind also nicht eingebildet

In den inneren Auskleidungen der Gelenke existieren dicht besiedelt Mengen an sogenannten „Gefahrensensoren“. Diese senden Alarmzeichen in Richtung unseres Gehirns. Und unser Gehirn entscheidet darüber, ob es schmerzt oder nicht.

Einige Fakten zu den Gelenken:

1. Gelenke nutzen sich natürlicherweise ab. Ob es schmerzt oder nicht, scheint von der Geschwindigkeit der Abnutzung abzuhängen. Geschieht dies langsam, scheint dies für das Hirn keine Gefahr zu bedeuten und auch nicht schmerzen. Schnelle Veränderungen (Bruch, Verrenkung, Entzündung) dagegen scheinen offensichtlich zu schmerzen.

2. Die Aufnahmen von Gelenkoberflächen suggerieren Abnutzung. Deshalb muss es nicht schmerzen.

3. Das „knirschen oder stechen“ von Gelenken sind Konstruktionen des Gehirns. Die ankommenden Gelenksignale werden so „übersetzt“, dass diese uns als logisch erscheinen, weil wir glauben, dass Gelenke mechanisch sind.

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4. Knochen und Gelenke lieben Bewegung (d.h. den Druck der dadurch ausgeübt wird). Diese lässt die Gelenkflüssigkeit verteilen. Desweiteren erhält unser Gehirn z.B. Informationen (mittels sensorischer Signale) über unsere Körperpositionen aus den Gelenken.

5. Knochen und Gelenke heilen – und sind oft stabiler als vor der Verletzung.

Achtsame Berührungen an den Gelenken, vermitteln dem Gehirn andere Informationen. Dies kann oft zu schmerzfreien Ergebnissen führen, obwohl an den Gelenken selbst, nichts verändert wurde.

Inwiefern Gedanken, und welche Gedanken darauf einen Einfluss haben, darüber werde ich im nächsten Teil schreiben.

Können Bandscheiben schmerzen? (Teil 5)

Was ist eine Bandscheibe? Die meisten Klienten haben gar keine Vorstellung davon, wenn sie mir berichten, dass ihre Bandscheibe beschädigt ist. Manchmal kommen sie mit einem MRT Bild und sagen, dass dies doch offensichtlich zu sehen ist – so wurde es Ihnen  vom ….. erklärt. Und die Kraft von Bildern ist enorm.

Was nicht erzählt wird, dass viele Menschen einen Prolaps (Bandscheibenvorfall) oder eine Bandscheiben-Vorwölbung ihr eigen nennen, jedoch über keinerlei Beschwerden klagen.

Bandscheiben sind straff zwischen den Wirbelkörpern eingepasst und bestehen aus festen Material (wie sehr starke Bänder oder ihr Ohr). Des Weiteren sind sie eingebunden und unterstützt durch viele kraftvolle umliegende Muskeln und Bändern.

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Sprachliche Formulierungen, wie: „das sieht aber gar nicht gut aus“; „die sind gerissen“; „herausgerutscht“ oder „prolabiert“ lassen uns wahrscheinlich sofort merklich vorsichtiger bewegen – und entsprechen oft nicht den Tatsachen.

Die Nervenversorgung der Bandscheiben ist gering. Deutlich reichhaltiger dagegen die umliegenden Gewebsverbände, die somit auch schnelle Alarm Signale zum Gehirn senden können, falls Gefahr droht. Schmerzen kommen daher eher aus dem umliegenden Gewebe.

Eine verletzte Bandscheibe schmerzt i.d.R. frühestens nach einem Tag – und das, weil die umliegenden Gewebe mit Steifheit  und Schmerz reagieren.

Bandscheiben bauen im Alter auf natürlichen Wege als Alterungsprozess ab. Das muss in keiner Weise zu schmerzen führen. Mindestens 30 % aller Menschen haben zum Teil starke Vorwölbenden in den Rückenmarkskanal, aber sind ohne Schmerzerfahrung.

Selbst wenn es zu einem Bandscheibenvorfall kommt und ein Nerv irritiert wird, alarmiert dies nicht unbedingt das Nervensystem oder das Gehirn.

Bandscheiben heilen langsam, sind immer ein wenig ausgefranst an den Rändern und unterscheiden sich oft nicht von Verletzungen.

Wirbelsäulen-Gelenke und Nerven sind sehr starke Strukturen die sehr Leistungs- und Belastungsfähig sind.

 

 

 

 

Schmerzen und Heilung (4.Teil)

Akute Schmerzen dienen unter anderem dazu, unser Überleben zu sichern. Unser Körper ist so intelligent, dass schon bei winzigen alltäglichen Verschleißerscheinungen ein natürlicher Heilungsprozess beginnt. Mit dem Ziel, unseren Körper in einen Zustand zu bringen, der Funktionstüchtig ist.

Ob es sich um eine Muskel-/Faszien-/Bänder-/Organ- oder Knochenverletzung handelt …. Unser Körper weiß sofort was zu tun ist und es beginnt ein intelligenter Heilungsprozess. Dieser wird i.d.R. nur durch unsere Unkenntnis gestört.

Unterstützen können wir dies durch angemessene Entspannung/Ruhe, das richtige Maß an Bewegung, Diäten, Medikamenten und/oder manchmal auch einer Operation.

Unsere Schmerzen zeigen uns an, welches Verhalten angemessen ist. Oder aber unangemessen.

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Der Heilungsprozess durchläuft verschiedene Stadien und dieser findet so oder so ähnlich statt.

  1. Entzündungsprozess, damit Immun- und Wiederaufbauzellen in das betroffene Gebiet gebracht werden.
  2. Narbenbildung
  3. „Umbau“ – gemäß dem „Original“ wird das Gewebe so gut wie möglich umgebaut.

Wie schnell das alles geht, hängt von

a) der Blutversorgung (z.B. Bandscheiben haben eine schlechte Blutversorgung und benötigen mehr Zeit für die Heilung, als z.B. Haut oder Muskelgewebe mit einer hohen Blutversorgung) und

b) den Anforderungen an das Gewebe ab (mich besucht gerade eine Patientin mit einer Reizung der Achillessehne – die eine hohe Anforderung erfüllt, weil diese mit jedem Schritt in Anspruch genommen wird).

Idealerweise sollten die Schmerzen in dem Maße abnehmen, wie der Heilungsprozess des Gewebes andauert. Nervenverletzungen dauern länger, dies bespreche ich zu einem späteren Zeitpunkt.

Ist dieser Heilungsprozess abgeschlossen, bleibt es bei diesem „Ergebnis“. Es ist gewissermaßen endgültig (Ausnahmen bestätigen die Regel).

In den nächsten Tagen bespreche ich die verschiedenen Arten von Verletzungen und deren Heilung.

 

 

 

Schmerzen als Warnsignal (3. Teil)

Über 1000ende von Jahren hat sich ein effizientes Alarmsystem entwickelt, dass unserem Gehirn mittels Sehen, Riechen, Schmecken und Hören ständig Informationen über Veränderungen in unserem Körper sendet. Vor allem, wenn unser Körper in Gefahr ist, werden wir über Ausmaß und Art der Gefahr informiert. Die „Kommandozentrale“ ist das Gehirn. Dies ist am sichersten Platz im Körper untergebracht: im Schädel, dessen Knochen unsere stärksten Knochen sind. Das Rückenmark gilt als „untergeordnete Kommandozentrale“ und ist ebenso relativ gut gesichert.

Millionen von Sensoren, achten unentwegt auf Vorkommnisse innerhalb und außerhalb unseres Körpers. Diese Sensoren sitzen an den Neuronen, können stark spezialisiert sein (manche reagieren auf mechanische, andere auf chemische Veränderungen und wieder andere auf Temperaturunterschiede) und übermitteln Informationen in Richtung Rückenmark.

Sensoren leben nur ein paar Tage, werden durch neue Sensoren ersetzt. Damit verändert sich auch unsere Empfindlichkeit immer wieder, was für chronische Schmerzen von Bedeutung ist (Das Schmerzempfinden verändert sich damit ebenso).

Die Neuronen in unserem Gewebe (an denen die Sensoren hausen) reagieren auf viele Arten von Reizen, wenn sie stark genug sind. Bei Dringlichkeit (Gefahr für das Gewebe) werden Signale an das Rückenmark gesandt, und von dort eventuell an das Gehirn weitergeleitet. Das wird Nozizeption (Schmerzsinn) genannt. Dieser ist ständig aktiv, aber nur manchmal entstehen wirklich Schmerzen.

Sogenannte „Schmerzrezeptoren“, „Schmerznerven“, „Schmerzbahnen“ oder „Schmerzzentren“ existieren nicht im Körper.

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Nozizeption ist ein Vorbote von Schmerzen, dessen alleinige Aktivität reicht nicht aus für ein Schmerzempfinden. Jedoch auch Gedanken können direkt im Gehirn Alarmsignale auslösen, ohne Mithilfe von Nozizeption.

Die Meldung lautet immer: Gefahr!

Niemals: Schmerz.

Die empfangenen Signale werden analysiert und mit Erfahrungen abgeglichen.

Unser Gehirn hat noch eine andere entscheidende Ebene, wo es einer aufsteigenden Botschaft Einhalt gewähren kann. Eine absteigende Nervenbahn (vom Gehirn zum Körper)! Diese ist um das 60fache leistungsfähiger als jedes Medikament. Diese Nervenbahn kann Glückshormone (Opiate und Seretonin) einfluten, und damit andere Sensoren im Körper aktivieren.

Mithilfe dieses Systems, kann ein Eishockeyspieler (wie im 2. Teil beschrieben) trotz Verletzung und Schmerzen weiterspielen.

Schmerzen und Erleben (Teil 2)

Es geschah vor drei Tagen bei den Olympischen Spielen. Ein deutscher Eishockeyspieler wurde so schwer am Kopf getroffen, dass er minutenlang benommen auf dem Eis lag und dann in den Katakomben verschwand. Im letzten Drittel war er (im Halbfinale) wieder dabei, und sagte später im Interview, dass ihn nichts so schnell „umhaut“. Ähnliche Geschichten sind bei Kriegsverletzungen zu bestaunen. Wir kennen Geschichten in denen Surfer von Haien angebissen wurden; Väter die Wehenschmerzen beschreiben oder vielleicht haben Sie auch im TV eine Operation miterlebt, mit tiefen Einschnitten, die ausschließlich unter Hypnose durchgeführt wurden

Zu 100 % gilt: Unser Gehirn entscheidet, ob wir Schmerzen empfinden oder nicht.

Schmerzen sollen individuell betrachtet werden. In meiner Praxis kenne ich Geschichten von Klienten, die im Büro starke Schmerzen empfinden, wenn Sie eine hohe Arbeitsbelastung erleben. Oder letzte Woche erhielt ich einen „Notruf“einer Klientin mit starken LWS Schmerz, der, nachdem sie noch für Nachmittags einen Termin erhielt, schon deutlich geringer war. Die Angst vor einen möglichen Bandscheibenvorfall oder Nervenquetschungen können ein Schmerzempfinden verstärken.

Sicher haben Sie schon von Phantomschmerzen gehört. 70 % aller Menschen, die ein Körperglied verloren, erleben dieses Glied als „echt“, aber es ist ein Phantom. Dieses kann jucken oder schmerzen. Diese Wahrnehmungen verstärken sich z.B. bei Stress. Dies ist möglich, weil sich im Gehirn eine Landkarte unseres Körpers befindet – ein virtueller Körper. Bei Phantomgliedern sind diese noch im Gehirn präsent.

Auch unser Alter (über 60 jährige haben weniger Rückenschmerzen), Geschlecht (Frauen geben Schmerzen ehrlicher zu), ob in einer fürsorglichen Beziehung lebend (häufiger Schmerzen) oder in welcher Kultur wir aufgewachsen sind – all dies hat Einfluss auf unsere Schmerzwahrnehmung.

Schmerzen sollen im Zusammenhang betrachtet werden. So ist eine Fingerverletzung ist für einen Goldschmied gefährlicher als für einen professionellen Fußballer. Unser sensorisches Nervensystem analysiert alle Arten von Informationen. Dies ist komplex, denn es berücksichtigt die Ebenen des Gedächtnisses, der Emotionen (dem Empfinden) und der Vernunft – mit möglichen Konsequenzen für unser Leben.

Schmerzen verstehen (Teil 1)

In meiner Praxis begegne ich vielen Missverständnissen und (unnötigen) Ängsten in Bezug zum Schmerzen. Dabei ist es sehr hilfreich, sowohl für den Klienten, als für den Therapeuten, Schmerzen zu verstehen.

Tatsache ist, dass Schmerzen so stark sein können, dass wir an nichts anderes mehr denken, fühlen oder (uns) konzentrieren können. Ich lernte den (Lehr-)Satz: „Der weiseste Weise verliert seine Weisheit, wenn er Zahnschmerz hat.“

Was die wenigsten wissen: Wenn unser Gehirn meint, dass Schmerzen für unser Überleben eher von Nachteil wäre, würden wir, selbst bei schlimmsten Ursachen keine Schmerzen spüren.

Schmerzen an sich sind manchmal sinnvoll. Wenn ich z.B. stundenlang unbeweglich vor dem Bildschirm sitze, könnten Schmerzen mich daran erinnern, dass es sinnvoll wäre, mich mal zu bewegen.

Es existieren unterschiedliche Arten von Schmerzen: Insektenstiche, ein Schnitt in den Finger, Verstauchungen etc. lassen unser Gewebe verändern – die Signale, die im Gehirn ankommen, werden von diesem als Gefahr für das Körpergewebe gedeutet – und das Gehirn entscheidet vollkommen zurecht, es sollte etwas dagegen getan werden.

Dann deutet das Gehirn andere Schmerzerfahrungen; z.B. der Trauer, Einsamkeit oder der Erfahrung des Mobbing.  Diese Schmerzen sind nicht weniger essentiell, wie z.B. ein akuter Rückenschmerz. Jede Art von gefühlsmäßigen Schmerz sollte in diese Betrachtung mit einbezogen werden.

Bei allen Schmerz-Empfindungen spielen Gedanken und Gefühle eine wesentliche Rolle.

Um Schmerzen zu verstehen – besonders chronische oder sich ausbreitende, sollten wir unser Gehirn genauer betrachten. Dann erst können wir begreifen, welche Faktoren einen Einfluss auf unseren Schmerz haben.

Für heute beende ich diesen Beitrag mit der Feststellung, dass wir Schmerzen erleben, weil unser Gehirn (oft unbewusst) entschieden hat, dass wir bedroht oder in Gefahr sind. 

Die Herausforderung ist es herauszufinden, wieso das Gehirn so entschieden hat.

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