Leben heißt berühren

Als Heilpraktiker darf ich in Deutschland Menschen legal behandeln, also auch berühren. Massage- und Körpertherapeut(Inn)en ohne medizinische Fachausbildung dürfen seit Monaten keine Menschen mehr berühren bzw. behandeln. Das hat fatale Auswirkungen, für alle Beteiligten.

Dieser Problematik stehe ich ebenso hilflos gegenüber. Auch der Tatsache, dass die Durchführung der Rebalancing Ausbildung in Deutschland aufgrund sich ständig ändernder Verordnungen, teilweise erlaubt und dann wieder nicht erlaubt ist. Es fühlt sich für mich an, wie ein „Ritt auf der Rasierklinge“. Die Behörden treffen keine klaren Aussagen. Bei der Durchführung des letzten Seminars hatte ich mehr Sorge ob einer möglichen Anzeige von „besorgten“ Nachbarn, als an einem Virus zu erkranken.

Über die (gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen) Auswirkungen dieser Maßnahmen wird leider sehr selten diskutiert. Es hat sich ein „illegaler“ Markt der Massage-/Körpertherapie gebildet, der, sollte jemand angezeigt werden, sehr teuer werden kann. Dass dies trotz dieser Gefahr geschieht hat zwei wesentliche Aspekte: 1. Wovon sollen die Massage-Körpertherapeuten leben? All die angekündigten Hilfsangebote der Regierung lassen diese Gruppe der Selbstständigen förmlich verhungern. 2. Treiben seelische, gesundheitlichen und soziale Beschwerden (auch aufgrund fehlender Berührungen) Menschen dazu an, eigenständig und da es nicht anders geht, auch illegal eine Lösung zu finden.

Was passiert, wenn wir (nicht) berührt werden?

Ein Leben ohne Berührungen hat fatale Auswirkungen auf uns Menschen. Berührungen stärken unsere Selbstwahrnehmung. Wir nehmen unsere Umgebung und unsere Beziehungen mittels Berührungen besser wahr.

Berührungen verbinden wir mit emotionaler und sozialer Nähe, und das Fehlen von ihr mit entsprechender Distanz. Bestimmte Rezeptoren in unserer Haut helfen uns körperliche Empfindungen zu verarbeiten. Andere (sogenannte CT-Afferenzen) senden Signale an einen tieferen Teil des Kortex, der u.a. für unser emotionales Gleichgewicht von Bedeutung ist. Dieser sorgt vage für Gefühlsbotschaften, wie „sich angenommen“ und „sich sicher“ zu fühlen. Andere Bahnen der CT-Afferenzen stärken die Wahrnehmung von Schönheit, Verlässlichkeit aber helfen uns auch zu erkennen, wer wir im gesellschaftlichen Leben sind. Diese sensorischen Nervenzellen lassen in uns u.a. ein Gefühl der Freude entstehen, wenn wir freiwillige, als angenehm empfundene Hautberührungen empfangen. Dies lässt Wissenschaftler vermuten, dass es sich um einen angeborenen und nicht erlernten Prozess handelt, der zu den Freuden führt, die mit diesen sozialen Interaktionen verbunden sind.

Dieselben Bereiche des Gehirns, die auf diese angenehm empfundenen Berührungen ansprechen, erhalten auch sensorische Informationen von inneren Körperbereichen (Interozeption). Interne und externe Signale verbinden sich hier zu einem einzigartigen Gefühl des „Körpereigentums“ und helfen damit unser verkörperten psychischen „Selbst“ wahrzunehmen.

Auch bilden Berührungen eine Grenze zwischen uns und der Außenwelt. Dies kann mittels sensorischer Stimulation zu einer Verkörperung führen, also einem Gefühl, im eigenen Körper zu Hause zu sein.

Ein weiterer Aspekt fehlender Berührungen, sind eine verstärkte Wahrnehmung von Schmerzen sowie ein höheres Empfinden von Stress. Achtsame und tiefe Berührungen wie sie im Rebalancing stattfinden, reduzieren Stress und Schmerzen, im ideal verschwinden diese ganz. Das Gefühl des Wohlbefinden mittels körperlicher und seelischer Berührungen sei ebenso nicht unerwähnt.

Berührungen besitzen für uns Menschen die wesentlichste Funktion, um miteinander in Beziehung zu treten. Berührungen vermitteln in uns die Überzeugung, dass wir einen Platz in der Welt anderer Menschen besitzen.

Auswirkungen der sogenannten Abstands-Maßnahmen

Nachdem uns (als Bevölkerung) mitgeteilt wurde, dass wir Berührungen und Nähe unterlassen sollen, führte dies zu einer starken Verunsicherung bei allen Menschen in meiner Umgebung. Dies betraf den Freundeskreis, die Klienten als auch die Ausbildungs- und Seminarteilnehmer. Dies machte sich (am Anfang der Maßnahmen) auch in der Praxis bemerkbar. Fast jeder Klient war aufgrund der medialen Berichterstattung stark verunsichert, und konnte nicht einschätzen, wie gefährlich für ihn körperliche Berührungen sind.

Nun kommen Klienten in die Praxis, die seit Monaten oder schlimmstenfalls seit über einem Jahr nicht mehr berührt wurden. Nicht mal ein Händeschütteln fand mehr statt. Der Leidensdruck ist sehr hoch – und es ist durchaus vorstellbar, dass diese Zeit auch seelische Narben hinterlassen wird. Vor allem vermissen sie Berührungen und Umarmungen, als emotionale und seelische Nahrung.

Keiner kann die langfristigen Veränderungen / Auswirkung dieser unsäglichen Maßnahmen für unsere Einstellungen gegenüber Berührungen einschätzen. Werden wir uns noch weiter die Hande zur Begrüßung geben? Verschwinden Umarmungen aus unserem Alltag? Eine von Januar – März 2020 durchgeführte britische Studie, also größtenteils vor der Einführung dieser Abstandsmaßnahmen, ergab, dass 54 Prozent der Menschen bereits das Gefühl hatten, zu wenig Berührung in ihrem Leben zu haben. Wie würde diese Studie wohl heute ausfallen?

Achtsame, freiwillige und liebevolle Berührungen zwischen zwei Personen gehören zu den stärksten aller emotionalen sozialen Signale. Ich wünsche allen Menschen, Klienten, als auch allen Körper- und Massagetherapeuten, dass diese Form der achtsamen Berührungen in unser Leben so schnell wie möglich (legal) einen angemessenen Platz erhalten.

Deshalb ist mein Appell an alle politischen Entscheidungsträger, diese unsäglichen Maßnahmen und Verordnungen des Verbots von nicht medizinische Massagen und Körpertherapien, schnellstmöglich aufzuheben.