In der Krise Profil gewinnen

Nach wie vor bestimmt Corona den Alltag der Medien. Was aber bestimmt unser Leben? Was gibt uns Halt? Welche Haltung stärkt unsere Resilienz? Unendlich viele Pläne wurden in den letzten Monaten plötzlich ausgebremst. Doch jede Zeit / jede Krise bietet unserem Dasein auch Möglichkeiten.

„Never let a good crisis go to waste!“ Winston Churchill

Grob übersetzt: Lasse eine Krise nicht ungenutzt. Paradoxe Zeiten erfordern paradoxe Gedanken und Ideen. Mich traf kürzlich ein faszinierender Satz aus dem Buch Genesis: „Gott hat mich wachsen lassen in dem Land meines Elends.“ (Gen 41,52) Dieser Satz stellte mir eine spannende Frage: Wie gelingt es mir, dass aus einem gefühlten Elend inspirierende Gedanken / Handlungen reifen?

Rückschläge sind Bestandteil meines Leben

Rückblickend erkenne ich, dass ich gewachsen bin an meinen (Lebens-) Krisen. Nachdem ich meine Rebalancing Ausbildung abgeschlossen hatte, war ich voller Träume. Doch die entscheidende Frage stellte sich: wie kann ich die erworbenen Gaben an andere Menschen weitergeben?
Meine erworbenen Perspektiven schenkten mir Hoffnung – nur hatte ich noch keine Vorstellung, wie ich diese umsetzen kann. In meiner damaligen Ausbildung gab es dazu wenig Impulse. Meine Träume behielt ich für mich – sie waren auch noch keine Berufung, sondern bedurften noch eines Reifungsprozesses.

Ich machte einige Weiterbildungen, Assistenzen und Supervisionen und erlebte Erfolge und Rückschläge. Im Nachhinein erkenne ich, dass A L L E S was ich erlebte und lernte ein wesentlicher Reifungs-Prozess auf meinem Weg vom Traum zur Berufung wurde. In den letzten 30 Jahren begegneten mir wieder und wieder Erfahrungen des „Scheiterns“, des „Fallens“ oder der „Ernüchterung“. Auch solche, die nicht eine Folge meines Handelns waren und die mich dennoch betrafen – wie z.B. Covid 19.

Ich durfte in solchen Momenten lernen, meine Machtlosigkeit anzuerkennen. Ich durfte meine Vorstellung aufgeben, dass das Leben widerstandslos gelingt und in meinem Leben alles glatt laufen muss. Diese unreife Haltung war unfruchtbar – und lies mich als Träumer zurück.

Wie reagiere ich auf eine Krise?

Die Beantwortung dieser Frage, zeugt von unserer inneren Haltung. Winston Churchill entdeckte angesichts immer wieder verlorener Schlachten und nötig gewordener Rückzüge in der Krise eine Chance. Die Anonymen Alkoholiker beantworten Krisen mit ihrem ersten Schritt: „Wir gaben zu, dass wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind und unser Leben nicht mehr meistern konnten“. Beiden Haltungen ist das Wissen gemeinsam, dass wir zwar die eine oder andere „Schlacht“ verlieren können, dass wir aber ohne diese Krisen nicht Reifen würden.

Unsere Entschlossenheit, Begabungen und unsere Ausdauer dürfen reifen ……

Die Geschichte des Josef im Buch Genesis zeugt von einer Art Achterbahnfahrt, die wahrscheinlich vielen Menschen vertraut sein dürfte. Sein Leben war ein ständiges auf und ab, er wurde gefeiert und angefeindet und gefeiert und angefeindet ….. Erfolg und Misserfolg wechselten sich ab. Sein Leben schien sich zum Guten zu wenden, um dann doch wieder einem Stolperstein zu begegnen. Erfolg, Geld, Ansehen, Arroganz, ein „sich einrichten“ und vieles mehr zeigen uns mögliche Stolpersteine auch für unser Leben auf. Josef musste sich klar positionieren, was ebenso zum Lebensweg gehört, wie auch die damit verbundenen möglichen Nachteile in Kauf zu nehmen. Unsere Begabungen dürfen in diesem Übungsfeld erkannt, erprobt und gereinigt werden. Es benötigt gewisse Erprobungs- und Reifeschritte, und im Idealfall eine Haltung der Gelassenheit, damit aus unseren (Be-)Gaben Fruchtbarkeit entsteht.

Gott, gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“. Vermutlich von Reinhold Niebuhr

Ich erlebe wie manche Menschen bei den vielen Windungen des Lebens ihren Lebensweg aus den Augen verlieren oder eine Berufung aufgeben. Zugleich erlebe ich verblüffender Weise, wie Menschen ihren Weg dann doch (wieder) finden. Wie dies geschieht entzieht sich meiner Kenntnis, nur dass es so ist kann ich fast jedes Jahr in unseren Ausbildungsgruppen erleben.
Josef, so beschreibt es das Buch Genesis, geht diesen Weg, naiv, vertrauend und geführt. Das klingt so einfach und doch so tief. So wie der Satz von Vaclav Havel: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn macht, egal wie es ausgeht.“ Und plötzlich wird alles anders.