Berührungen und COVID 19

Die COVID 19 Pandemie bringt uns Menschen aus dem Berührungs-Gleichgewicht: Viele sind unsicher – das erfahre ich auch bei Anrufen in meiner Praxis – denn keiner weiß, ob oder wenn, wie gefährlich oder bedrohlich es ist, sich in diesen Zeiten berühren zu lassen.
Andererseits: wer weiß denn um die Gefährlichkeit für unser Leben, ob des Mangels an Berührungen?

Einsamkeit ist Lebensgefährlich

Das neben Viren und Bakterien auch Rauchen, Bewegungsmangel etc. schädlich sein können, weiß heutzutage jedes Schulkind. Schon bedeutend weniger wissen, dass auch Einsamkeit lebensbedrohlich ist. Eine Studie von Holt-Lunstad, Smith und Layton mit dem Namen „Social Relationships and Mortality Risk“ stellt den Zusammenhang zwischen menschlichen Beziehungen und Sterblichkeit in den Mittelpunkt. Das Ergebnis:
Die Beziehungsqualität und Quantität ist für unser Überleben von großer Bedeutung. Für unser Leben sind Rauchen und Alkoholismus von gleichwertiger Gefahr, wie die Einsamkeit. Diese Metastudie verwendete 148 Einzelstudien mit über 300 000 teilnehmenden Menschen.

Nun prägt seit einiger Zeit ein Berührungsverbot unseren Alltag. Dieses soll uns, so heißt es, vor dem Tod schützen. Ein Körper aber, der nicht berührt werden darf, verschwindet.

Dieser verordnete Berührungs- und Beziehungs-Rückzug unterteilt Menschen in zwei Klassen: Jene, die berühren und berührt werden dürfen (weil sie zusammenleben) und jene, denen das nicht erlaubt ist, weil sie alleine leben. Im Moment sind diese „unberührbar“, also faktisch verschwunden.

Homo hapticus

Die Wissenschaft beschäftigt sich seit einem guten Jahrzehnt verstärkt mit dem Tastsinn und dem menschlichen Grundbedürfnis nach Berührung. Martin Grunwald beschreibt den Menschen als „Homo hapticus“, als ein Säugetier, das ohne Hautkontakt, dem Berühren und Berührt werden, nicht überleben wird.

Die Journalistin Elisabeth von Thadden spricht vom Hunger unserer Haut, und dass wir erkranken, wenn dieser Hunger nicht gestillt wird. Denn angenehme Berührungen lassen in unserem Körper das Liebes- und Bindehormon Oxytocin entstehen, welches Stress und Angst abbaut und unser Immunsystem stärkt. Wir besitzen also eine eigene „körpereigene Apotheke“ (Grundwald), die mittels Berührung aktiv wird. Dumm nur, dass diese innere Apotheke ausgerechnet jetzt, in der diese Abwehrkräfte lebensnotwendig sind, allen isolierten Menschen verwehrt bleibt.

Begegnung mit unserem „sechsten“ Sinn

Auch unsere Kommunikationsfähigkeit wird mittels der Haut und Berührung geschult. Bei unseren Augen und unseren Sehsinn findet die Kommunikation von außen nach innen (in Richtung unseres Gehirns) statt.
Dagegen findet diese bei unserer Haut sowohl von innen nach außen als auch von außen nach innen statt. Denn wir empfangen taktile Reize sobald wir von jemanden oder etwas berührt werden.

Sobald ich aktiv berühre, z.B. mit Rebalancing, setze ich einen aktiven taktilen Reiz und nehme gleichzeitig mittels meiner Hände, z.B. die Haut, Faszien- und Muskelgewebe als haptischen Reiz wahr. Diese doppelte Wahrnehmung wird reziprok genannt (taktile und haptische Berührungselemente verbinden sich).

„Menschen sind wie Musikinstrumente, ihre Resonanz hängt davon ab, wer sie berührt.
Constancio C. Vigil

Wir sind als menschliche Wesen, aufgrund der Intelligenz unserer Haut, in der Lage, Berührungen unterschiedlichster Intentionen auszuführen und wahrzunehmen. Die körpertherapeutische Berührung kann in eine heilsame Kommunikation mit dem Klienten führen, um seinen eigenen Leib wieder lebendig und zugehörig zu empfinden.

Die Folgen der Quarantäne?

In einer Auswertung von 24 Studien zu psychologischen Folgen von zwei bis drei Wochen Quarantäne während der SARS-Epidemie 2003, entdeckten Wissenschaftler, dass die Betroffenen die Quarantäne-Maßnahmen in der Regel als Stress-Situation erleben. „Bei ihnen können Symptome eine Posttraumatischen Belastungsstörung auftreten. Es kann zu Depressionen, Erschöpfung, Reizbarkeit und Schlafstörungen kommen“.
Diese Auswirkungen der Extremsituation waren bei einigen Menschen noch Jahre später feststellbar. Besaßen diese psychischen Vorerkrankungen oder waren Mitarbeitern im Gesundheitssystem traten häufiger psychische Folgen auf als in der Allgemeinbevölkerung.

Ich hoffe, dass es Euch / Ihnen in dieser schwierigen Zeit körperlich und geistig gut geht.  Wir können zwar unsere Emotionen nicht ohne weiteres kontrollieren, aber wir können unsere Reaktion darauf anpassen. Angenehme körperliche Berührungen werden die „innere Apotheke“ aktivieren. Nutze dieses Geschenk – es gibt noch viele Physiotherapeuten und Heilpraktiker die arbeiten und berühren dürfen, und auch gerne berühren! Und hoffentlich bald, dürfen auch wieder alle anderen Körper- und Komplementär TherapeutInnen berühren. Mit Händen, Worten und mit ihren Herzens-Ressourcen, die Verbundenheit, Sinn und Schönheit vermitteln und entstehen lassen.

„Der Mensch kann nicht ohne Sinn leben. Sinn jedoch wird nicht erfunden, sondern aufgefunden.“ Viktor Frankl