Wahrnehmung und Veränderung

Letzten Sonntag durfte ich noch in Thun die siebte Sitzung in unserer Rebalancing Ausbildung unterrichten. Heute, eine Woche später erinnere ich mich an das, was ich dort lehrte.

Wir interpretieren die Welt

Sicher nichts Neues; doch gerade aufgrund der vielen Informationen und Diskussionen um den COVID-19 Virus, vergesse auch ich gerne, dass wir die Welt und die Nachrichten, die wir aufnehmen, subjektiv wahrnehmen. D.h. wir nehmen die Welt nicht „an sich wahr“, also so wie sie ist, sondern immer durch unsere Sinnesorgane gefiltert.

Leben heißt wahrnehmen

Egal was wir betrachten: Das Bild / die Bilder welche(s) über die Augen an unser Gehirn vermittelt wird, wird dort nur teilweise ausgewertet. Wie genau, richtig und weitreichend dieses Erkennen stattfindet, ist abhängig von den bereits im Gehirn abgespeicherten Bildern, unserer inneren Wachheit und unserer Offenheit.

Unser Sehen und Erkennen wird sehr stark davon geprägt, was wir zu sehen meinen und / oder sehen wollen.

Unser Bewusstsein verwechselt das Abbild, wie es von unseren Augen an das Gehirn übermittelt wird, mit seinen eigenen Erinnerungen und Emotionen, die es sodann mit dem Abgebildeten verbindet.

In diesem Sinn sehen wir nicht die Wirklichkeit, sondern „nur“ unsere subjektive Realität. Unsere Idee bestimmt das Ergebnis. Worauf richtet sich mein Blick? Welche Idee / Erfahrung habe ich vom Leben?

Was siehst Du? Die neun Delfine?

Richtet sich mein Blick darauf, wie ich andere Menschen unterstützen darf? Auf die Beziehungsfähigkeit und das Gute im Menschen? Wie Kohärenz und Resilienz miteinander genährt werden können. Wie wir unser Herz öffnen und berührbar bleiben können? Oder wie ich in und mit der Krise noch schnell ein gutes Geschäft machen kann?

Ich will Matthias Horx, den Gründer des sog. Zukunftsinstituts mit Sitz in Frankfurt und Wien, zitieren. Er entwickelte mehrere Szenarien zu der Frage, wie sich unser Leben nach der Corona-Krise verändern wird. Er lädt zu einer Übung ein, die er „Regnose“ nennt, und zwar im Gegensatz zur Prognose. Er will „mit dieser Technik nicht in die Zukunft, sondern von der Zukunft aus zurück ins Heute schauen.

„Stellen wir uns eine Situation im Herbst vor, sagen wir im September 2020. Wir sitzen in einem Straßencafé in einer Großstadt. Es ist warm, und auf der Straße bewegen sich wieder Menschen. Bewegen sie sich anders? Ist alles so wie früher? Schmecken der Wein, der Cocktail, der Kaffee wieder wie früher, vor Corona? Oder sogar besser? Worüber werden wir uns rückblickend wundern?


Wir werden uns wundern, dass die sozialen Verzichte, die wir leisten mussten, selten zu Vereinsamung führten. Im Gegenteil: Nach einer ersten Schockstarre fühlten sich viele von uns sogar erleichtert, dass das viele Rennen, Reden und Kommunizieren auf allen Kanälen plötzlich zu einem Halt kam. Verzichte müssen nicht unbedingt Verlust bedeuten, sondern können sogar neue Möglichkeitsräume eröffnen. Das hat schon mancher erlebt, der zum Beispiel Intervallfasten probierte – und dem plötzlich das Essen wieder schmeckte.


Paradoxerweise erzeugte die körperliche Distanz, die der Virus erzwang, gleichzeitig neue Nähe. Wir haben Menschen kennengelernt, die wir sonst nie kennengelernt hätten. Wir haben alte Freunde wieder häufiger kontaktiert, Bindungen verstärkt, die lose und locker geworden waren. Familien, Nachbarn, Freunde sind näher gerückt und haben bisweilen sogar verborgene Konflikte gelöst. Die gesellschaftliche Höflichkeit, die wir vorher zunehmend vermissten, stieg an. Jetzt, im Herbst 2020, herrscht bei Fußballspielen eine ganz andere Stimmung als im Frühjahr, als es jede Menge Massen- Wut und -Pöbeleien gab. Wir wundern uns, warum das so ist.


Gleichzeitig erlebten scheinbar veraltete Kulturtechniken eine Renaissance. Plötzlich erwischte man nicht nur den Anrufbeantworter, wenn man anrief, sondern real vorhandene Menschen. Das Virus brachte eine neue Kultur des Langtelefonierens ohne Second Screen hervor. Auch die Messages selbst bekamen plötzlich eine neue Bedeutung. Man kommunizierte wieder wirklich. Man ließ niemanden mehr zappeln. Man hielt niemanden mehr hin. So entstand eine neue Kultur der Erreichbarkeit und Verbindlichkeit.


Menschen, die vor lauter Hektik nie zur Ruhe gekommen waren, auch junge Menschen, machten plötzlich ausgiebige Spaziergänge – ein Wort, das vorher eher ein Fremdwort gewesen war. Bücher lesen wurde plötzlich zum Kult. Reality Shows wirkten auf einmal grottenpeinlich. Der ganze Trivia- Trash, der unendliche Seelenmüll, der durch alle Kanäle strömte, verschwand zwar nicht völlig – aber er verlor rasend an Wert. Kann sich jemand noch an den Political-Correctness-Streit erinnern? Die unendlich vielen Kulturkriege um – ja, um was ging es da eigentlich?


Der große Technik-Hype ist vorbei. Wir richten unsere Aufmerksamkeiten wieder mehr auf die humanen Fragen: Was ist der Mensch? Was sind wir füreinander? Wir staunen rückwärts, wie viel Humor und Mitmenschlichkeit in den Tagen des Virus tatsächlich entstanden ist.


Jede Tiefenkrise hinterlässt eine Story, ein Narrativ, das weit in die Zukunft weist. Eine der stärksten Visionen, die das Coronavirus hinterlässt, sind die musizierenden Italiener auf den Balkonen. Die zweite Vision senden uns die Satellitenbilder, die plötzlich die Industriegebiete Chinas und Italiens frei von Smog zeigen. 2020 wird der CO2-Ausstoß der Menschheit zum ersten Mal fallen. Diese Tatsache wird etwas mit uns machen.

Nicht die Technik, sondern die Veränderung sozialer Verhaltensformen war das Entscheidende. Dass Menschen trotz radikaler Einschränkungen solidarisch und konstruktiv bleiben konnten, gab den Ausschlag: die human-soziale Intelligenz. Die vielgepriesene Künstliche Intelligenz dagegen hat in Sachen Corona nur begrenzt gewirkt.


Wenn das Virus so etwas kann – können wir das womöglich auch? Vielleicht war das Virus nur ein Sendbote aus der Zukunft. Seine drastische Botschaft lautet: Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt. Aber sie kann sich neu erfinden.


System reset. – Cool down! – So geht Zukunft.“ Matthias Horx