Die Arbeitsteilung in unseren Gehirnhälften

Jedes menschliche Gehirn besteht aus zwei spiegelbildlichen Hälften – ähnlich der beiden Hälften einer Walnuss. Jede Gehirnhälfte oder Hemisphäre steuert die Bewegungen der gegenüberliegenden Körperseite.

Beide Hemisphären sind auf verschiedene geistige Funktionen spezialisiert. Die erstaunlichste Asymmetrie ist mit dem Sprechen verknüpft.

Die linke Hälfte ist zuständig für die Erzeugung der konkreten Sprachlaute, sowie auch für ihre Anordnung in syntaktischen Strukturen und für einen Großteil dessen, was Semantik genannt wird – das Verstehen von Bedeutung.

Die rechte Hemisphäre scheint sich nicht mit gesprochenen Wörtern zu befassen. Ihr Augenmerk liegt auf feinsinnigeren Aspekten wie Metapher, Allegorie und Mehrdeutigkeit – wie sie in Poesie, Mythos und Drama wiederzufinden sind.

Die linke Hemisphäre wird dominant genannt, weil sie oft das Wort und das Denken an sich reißt. Die stumme rechte Hemisphäre kann keinen Protest dagegen erheben.

Weitere Spezialisierungen betreffen u.a. dem Sehen und der Gefühlswahrnehmung

Unsere rechte Hemisphäre ist zuständig für ganzheitliche Aspekte des Sehens – sie sorgt dafür, dass wir den Wald und nicht die Bäume sehen – und reagiert mit dem passenden Gefühl auf emotional besetzte Situationen.

Patienten mit rechtshemisphärischen Schlaganfällen oder anderen Hirnausfällen sind oft von beneidenswerter Unbekümmertheit hinsichtlich ihrer Erkrankung, weil sie ohne die „emotionale rechte Hemisphäre“ einfach nicht das Ausmaß ihres Verlusts begreifen.

Auch die kognitiven Stile (das Wahrnehmen, Denken, Erkennen betreffend) der beiden Hemisphären ist beachtlich.

Im Zustand des Wachseins wird unser Gehirn mit einer erdrückenden Fülle von sensorischen Input-Daten überschwemmt, die alle in einer kohärenten (zusammenhängenden) Perspektive eingegliedert werden müssen.

Um kohärente Handlungen hervorzubringen, muss unser Gehirn dieses Übermaß an Einzelheiten sichten und zu einem verlässlichen und in sich schlüssigen „Überzeugungssystem“ ordnen – zu einer Geschichte, die angesichts der zur Verfügung stehenden Indizien einen Sinn ergibt.

Das bedeutet, dass das Hirn mit jeder neuen Information versucht diese bruchlos in unsere bereits vorhandene Weltsicht einzufügen . Vermutlich geschieht dies in der linken Hemisphäre unseres Gehirns.

Doch was geschieht mit Informationen, die sich nicht richtig zu- und einordnen lassen?

Anomalien werden vom Gehirn ignoriert

Unsere linke Hemisphäre verändert diese Anomalie so, dass sie in das vorhandene Bezugssystem passt und die Stabilität des Gehirns erhalten bleibt.

Dieser alltägliche Abwehrmechanismen verhindert, dass unser Gehirn in hoffnungslose Unentschlossenheit verfällt. Mit dem Preis des selbst „belügens“. Doch der ist vertretbar, angesichts der Kohärenz und Stabilität des Gesamtsystems.

Beide Hemisphären besitzen also fundamental verschiedene Bewältigungsstrategien.

„Die linke H. hat die Aufgabe, ein Überzeugungssystem oder Modell herzustellen und neue Erfahrungen in dieses System einzugliedern. Wenn sich die linke Hirnhälfte einer Information gegenübersieht, die nicht in das Modell passt, nimmt sie ihre Zuflucht zu Freud`schen Abwehrmechanismen, das heißt, sie verleugnet, verdrängt oder konfabuliert – sie unternimmt jede Anstrengung, um den Status quo zu erhalten.

Die Strategie der rechten Hemisphäre dagegen besteht darin, den „Advokatus Diaboli“ (z.B. bei einem rhetorischen Streit zunächst ganz bewusst die Position seines Gegners einnimmt, dies jedoch nur, um diese schließlich trotzdem zu widerlege) zu spielen. Wenn die aus dem Rahmen fallenden Informationen einen bestimmten Schwellenwert erreicht, entscheidet die rechte Gehirnhälfte, dass es an der Zeit ist, eine grundsätzliche Revision des gesamten Models zu erzwingen und ganz von vorne anzufangen.

Die rechte Hemisphäre veranlasst also beim Auftreten bestimmter Anomalien einen Paradigmenwechsel während die linke Hemisphäre unter allen Umständen versucht, an den gegebenen Verhältnissen festzuhalten.“ Dr. Vilaynur S. Ramachandran