An-fangen

Höre nie auf anzufangen und
fange nie an aufzuhören.

Marcus Tullius Cicero

Der (Jahres-)Rückblick ist vorbei. Das neue Jahr hat begonnen. Ein neuer Anfang!? Wie nah liegen Anfang und Rückblick doch beieinander.

„Das Leben muss im Vorblick gelebt werden, kann jedoch erst im Rückblick verstanden werden.“ 
Søren Aabye Kierkegaard

Der Rückblick führte mich immer wieder zu einem milderen Blick auf meine Mitmenschen, aber auch auf mich selbst. Das Betrachten meiner eigenen Lebensgeschichte dient mir als spirituelle Übung des Rückblicks.
Das regelmäßige Zeit nehmen, z.B. um auf meinen Tag oder einen längeren Lebensabschnitt zurückzuschauen, baute mit an meiner Identität, die auf einen inneren Zusammenhang und Sinn gründet. Ich benötige von Zeit zu Zeit Abstand vom unmittelbaren Geschehen, um auf das Ganze zu Schauen – dadurch erschließt sich mir ein größerer Zusammenhang. 

Die Rückschau hilft mir zur Gesamtschau – und diese ermöglicht mir, überlegt und vertrauensvoll den nächsten Schritt zu wagen. 

Anfang

Es ist für mich eines der schönsten (und manchmal auch schwierigsten) Dinge am 01.01. eines Jahres frühmorgens in die Morgenmesse in St. Michael in München zu pilgern. Dieses Jahr bildete die Krönungsmesse von W.A. Mozart den würdigen Rahmen für den Jahresanfang. Es ist inspirierend und es lässt mich meinen rechten Platz für diesen meinen Jahres-Anfang einnehmen.

Im Wort Anfang steckt das Verb fangen. Zum Jahresbeginn blicke ich auf die kommenden Monate. Will ich diese fangen? Wohl kaum, denn die Zeit lässt sich nicht fangen.

Die Worte Kohelet`s drücken dies so passend für mich aus:

Zeit und Stunde

Für alles gibt es eine Stunde, und Zeit gibt es für jedes Vorhaben unter dem Himmel: 
Zeit zum Gebären und Zeit zum Sterben, Zeit zum Pflanzen und Zeit zum Ausreissen des Gepflanzten, 
Zeit zum Töten und Zeit zum Heilen, Zeit zum Einreissen und Zeit zum Aufbauen, 
Zeit zum Weinen und Zeit zum Lachen, Zeit des Klagens und Zeit des Tanzens,
Zeit, Steine zu werfen, und Zeit, Steine zu sammeln, Zeit, sich zu umarmen, und Zeit, sich aus der Umarmung zu lösen, 
Zeit zum Suchen und Zeit zum Verlieren, Zeit zum Bewahren und Zeit zum Wegwerfen, 
Zeit zum Zerreissen und Zeit zum Nähen, Zeit zum Schweigen und Zeit zum Reden, 
Zeit zum Lieben und Zeit zum Hassen, Zeit des Kriegs und Zeit des Friedens. Welchen Gewinn hat, wer etwas tut, davon, dass er sich abmüht?

Ich sah, was Gott den Menschen zu tun überlassen hat. 
Alles hat er so gemacht, dass es schön ist zu seiner Zeit. Auch die ferne Zeit hat er den Menschen ins Herz gelegt, nur dass der Mensch das Werk, das Gott gemacht hat, nicht von Anfang bis Ende begreifen kann. 
Ich erkannte, dass sie nichts Besseres zustande bringen, als sich zu freuen und Gutes zu tun im Leben. 
Und wenn irgendein Mensch bei all seiner Mühe isst und trinkt und Gutes geniesst, ist auch dies ein Geschenk Gottes. 
Ich erkannte, dass alles, was Gott schafft, endgültig ist. Nichts ist ihm hinzuzufügen, und nichts ist davon wegzunehmen.

Übersetzung Neue Zürcher Bibel

So wünsche ich Euch und mir, dass es uns gelingen möge, immer wieder neu – klein und groß – anzufangen. Gott schenkt uns 365 Tage lang einen neuen Anfang. Mögen wir diese Gnade wachen Herzens ergreifen (können).