Warum der Mensch unbedingt angefasst werden sollte

Am 19.Mai 2018 erschien ein Artikel in der NZZ (Neue Züricher Zeitung) von Nicole Althaus und Regula Freuler.

Berührungen werden im Alltag mehr und mehr reglementiert, oft sogar bewusst vermieden: Schon lange vor der „Belästigungs-Debatte“ haben Berührungen ihre Unschuld verloren. Dabei findet die Forschung immer mehr Gründe für die Wichtigkeit von Berührungen.

Kindern den Körperkontakt zu verweigern, ist, als ob man ihnen den Sauerstoff verweigert. Und das ist kein esoterischer Nonsense, sondern beruht auf wissenschaftlichen Studien.
Francis McGlone

Ohne Berührung kein Leben

Von allen menschlichen Sinnen ist der Tastsinn der erste, der sich im Mutterleib entwickelt, und er ist der letzte, der vor dem Tod erlischt. Er ist das Fundament jeder Beziehung, der intimste aller Sinne und der einzige, ohne den der Mensch nicht leben kann.

Frühchen können ihre Umwelt schlechter erkunden, weil sie im Brutkasten weniger Hautkontakt zu Bezugspersonen bekommen als andere Säuglinge. Die Entwicklung der entsprechenden Nervenfasern können im Gehirn mit vielen Berührungen wieder ausgeglichen werden. Wer Babys, beim Wickeln oder Anziehen zusätzlich liebevoll berührt, entwickeln mit einem Jahr bessere visuelle und motorische Fähigkeiten. Vor einer Operation kann mittels guter Berührungen die Aufregung (oder der Stress) bei Patienten gesenkt werden

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70 Prozent der autistischen Kinder leiden laut einer Studie von Francis McGlone, unter einer sensorischen Wahrnehmungsstörung. Kinder mit einem Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivität nehmen taktile Reize weniger schnell wahr und können diese nicht verarbeiten. Die Kinder spüren sich manchmal nicht. „Berührungen sind für die Entwicklung von Kindern nicht optional, so wie ein Kaugummi oder ein Markenturnschuh, sondern überlebenswichtig“, sagt der Neurowissenschafter McGlone der John-Moores-Universität in Liverpool.

Der Tastsinn verbindet uns mit anderen Menschen und lässt uns die Welt „begreifen“. Berührungen schaffen Nähe, spenden Trost, schenken Sicherheit, kurz gesagt: sie gehen unter die Haut. Gerade weil sie so wichtig sind, hat ihnen die Evolution eine eigene «Nachrichtenleitung» eingebaut.

McGlone, der zu den führenden Forschern der taktilen Informationsverarbeitung gehört, erklärt deren Funktion so: Es gibt den schnellen Dienstweg über die A-alpha-Fasern, welche Signale von der Haut sofort ins Gehirn tragen und uns wissen lassen: Achtung, heiss! Oh, schön weich! Und dann gibt es neben den breaking news auch noch den langsamen, gefühlsbezogenen Dienstweg über die C-Fasern, welche die Informationen gewichten und aus der Flut an taktilen Informationen Berührungen herausfiltern und melden, die angenehm und für unser emotionales Leben wichtig sind<.

Unser Berührungsmeldewesen hat also eine spezielle Hotline, um liebevolle, tröstliche oder erotische Botschaften anderer Menschen aufzufangen.»
Zitat aus dem Zeitungsartikel

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Schmerzen werden durch achtsame Berührungen gelindert. Es werden betäubende Proteine und das Bindungshormon Oxytocin frei gesetzt. Menschen, die regelmässig liebevoll berührt werden, leben entspannter und gesünder. Berührungen, zum Beispiel mittels einer Massage von lediglich 20 Minuten pro Woche senkt nachweislich den Blutdruck und den Cortisolspiegel.

Berührungsangst im Alltag

Im öffentlichen Raum hat Berührung ihre Unschuld verloren. Die Schlagzeilen über Pädophile, publik gewordene Übergriffe, aber auch die jüngste #MeToo-Debatte lassen den Körperkontakt oft hinterfragen. Auch wenn er gar keine sexuelle Komponente hat.

Betroffen sind von dieser Berührungsangst im öffentlichen Raum vorab Personen, die beruflich mit Kindern und Jugendlichen oder aber mit dem Körper zu tun haben: Lehrer, Kindergärtnerinnen, Ärzte, Pfleger, Heimleiterinnen. Das Damoklesschwert des Übergriffvorwurfs schwebt stets über ihnen. Manchenorts hat das zur totalen Berührungs-Abstinenz geführt.

In dem Artikel beschreiben die Autorinnen das Dilemma:
„Kein Zweifel: Sexuelle Übergriffe und Gewalt werden nach jahrzehntelanger Duldung und Tabuisierung zu Recht offengelegt und angeklagt. Doch in öffentlichen Institutionen scheint das Pendel nun in die andere Richtung umzuschlagen: «Anstatt der offensichtlichen Gewalt werden ‹normale› körperliche Beziehungen in Schulen zunehmend mit einem Tabu belegt», heisst es in einem Arbeitspapier vom Februar 2017 des Vereins Profil Q. Es sei sogar schwierig geworden, das Thema anzusprechen, ohne selber in Verdacht zu geraten, auf der «falschen» Seite zu stehen.“

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